Ich fürchte mich nicht - Poetisch-schöne Liebesgeschichte

09:55

"Ich werde von Millionen Erinnerungen an diesen Sessel genagelt, von dem Grauen heimgesucht, das ich mit bloßen Händen erzeugte, ich kann keine Sekunde vergessen, dass ich aus gutem Grund verstoßen bin. Meine Hände können Menschen töten. Meine Hände können zerstören. Ich habe kein Anrecht auf Leben." 

Juliette ist ein Monster. Oder jedenfalls redet sie sich das ein, seit sie von den Menschen verstoßen wurde; ihre eigenen Eltern konnten die Anwesenheit ihres Kindes nicht mehr ertragen. Denn Juliettes Berührung ist schmerzhaft, bei längerem Kontakt sogar tödlich. 

Ihre Tage fristet sie in einer Nervenheilanstalt, in einer kleinen kargen Zelle, ohne jeglichen menschlichen Kontakt. Doch dann wird sie vom Reestablishment entdeckt, welches Juliettes Kräfte für sich nutzen will. In einer Welt, die dem Untergang geweiht ist, soll sie die Waffe sein, die die Rebellen niederschlägt, die das Reestablishment bekämpfen. Lediglich ein Junge aus längst vergessenen Kindertagen schreckt nicht vor ihrer Berührung zurück und will Juliette befreien... 

 

Als "Shatter Me" wartete das Debüt von Tahereh Mafi schon eine Weile auf meinem Wunschzettel auf mich und hätte ich gewusst, was für eine schöne, sprachlich besondere Geschichte sich darin verbirgt, hätte ich es schon längst gelesen. Nun aber konnte ich mich von der deutschen Ausgabe verzaubern lassen. Und dazu brauchte es gerade einmal die erste Seite, schon war ich gebannt.

Juliette sitzt allein in ihrer Zelle. Seit 364 Tagen hat sie keinen Menschen zu Gesicht bekommen. Ihre einzige Beschäftigung: ihre eigenen Gedanken. Und das Zählen. Von Rissen in der Wand, von Regentropfen, die gegen das winzige hohe Fenster prasseln, von Tagen, seit sie zuletzt jemanden berührt hat. Doch eines Tages, als sie schon fast glaubt, das Sprechen verlernt zu haben, wird ein junger Mann namens Adam in ihre Zelle gestoßen. Und Juliette verspürt das drängende Bedürfnis, ihn zu berühren, den verzweifelten Wunsch nach menschlicher Wärme. Doch das kann sie nicht. Denn ihre Berührung ist tödlich, und genau deshalb ist sie in dieser Zelle. 

Nur langsam erfährt man, dass Juliettes Welt am Abgrund ist. Hungersnot, Krankheiten und Klimakatastrophen beuteln die Menschen, die ihre ganzen Hoffnungen in das Reestablishment gelegt haben. Doch bei der Rettung der Menschheit scheinen sie sehr radikal vorzugehen, Kranke werden einfach weggesperrt und die Kultur soll vollkommen zerstört werden, um der Menschheit einen Neuanfang zu erlauben. So wirklich zu bessern scheint sich die Situation der Menschen nicht und man merkt schnell, dass man es hier mit einer Militärdiktatur zu tun hat. Die Hintergründe werden bisher nur angerissen, der zweite Band verspricht dahingehend, etwas detaillierter zu werden. Das dystopische Setting bildet dabei "nur" den Rahmen für die herzzereißende Liebesgeschichte zwischen Adam und Juliette, die hier ganz klar im Fokus steht und die noch dadurch geschürt wird, dass sie sich nicht berühren können. Und diese Liebesgeschichte konnte mich mit ihrer schmerzlichen Sehnsucht vollkommen für sich einnehmen!

"Ich fürchte mich nicht" war so ein Buch, das ich extra langsam gelesen habe, damit ich nicht so schnell damit fertig bin. Und weil ich die schönen Sätze in mir nachklingen lassen wollte. Tahereh Mafi konnte mich ein ums andere Mal mit ihrem ungewöhnlichen, poetischen Schreibstil fesseln. Juliettes Bedürfnis nach menschlichem Kontakt, nach der Berührung eines anderen, ihre immer stärker werdende Sehnsucht nach Adam und ihre Schuldgefühle aufgrund ihrer tödlichen Gabe fand ich sehr berührend und einfühlsam beschrieben. Und mit Adam hat die Autorin einen männlichen Gegenpart geschaffen, der mich sofort für sich einnehmen und bei dem ich Juliettes Sehnsucht nach ihm absolut nachvollziehen konnte.

Einziger Wermutstropfen bei diesem ansonsten wundervollen Debüt: es ist zu schnell vorbei. Besonders am Schluss ist viel Handlung auf wenige Seiten gepresst, was einen großen Kontrast zum doch sehr stillen und bedächtigen Anfang des Buches in der Einsamkeit von Juliettes Zelle bildet. So bleibt man am Ende etwas atemlos zurück. Ich hoffe, im nächsten Band gibt die Autorin Juliettes Gedanken wieder etwas mehr Zeit und findet zu ihrem ruhigen Erzählstil zurück, denn der hat mir einfach ganz besonders gefallen. Nun bleibt abzuwarten, ob ich bis zur Übersetzung des zweiten Bandes warten kann, "Unravel Me" lächelt mich schon sehr verführerisch an ;-)

Mein Fazit: Wer nach einer spannenden Dystopie sucht, dürfte von diesem Buch eher enttäuscht werden. Wer aber eine fesselnde, sehnsuchtsvolle Liebesgeschichte vor dem Hintergrund einer zerstörten Welt mit wundervollem Schreibstil sucht, wird sich in "Ich fürchte mich nicht" genauso verlieben wie ich.

Ich fürchte mich nicht - Tahereh Mafi
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (23. Juli 2012)
ISBN-10: 3442313015

Preis: 16,99 Euro 

Willis Fazit:



Ich bedanke mich sehr herzlich beim Goldmann Verlag für das wundervolle Rezensionsexemplar!

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10 Kommentare

  1. Hm, bei diesem Buch ist es wohl entweder so, dass man es liebt oder eben nicht ;) Man merkt bei Deiner Rezension geradezu Deine Begeisterung für das Buch - sehr schön! (Meins war das Buch leider nicht so wirklich).

    LG
    Monika

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  2. Danke für die tolle Rezi!
    Das hört sich wirklich sehr gut an, hab jetzt schon viel von dem Buch gehört und werde es sicher auch mal lesen.

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  3. Hammer Rezi!!! Und - ich liebe es auch soooooooooo sehr!!!!!!!!!!!!!! :D <3333

    LG Elli

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  4. Das hört sich so unglaublich toll an, ich muss es dringend lesen *_*

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  5. Ich konnte dem Buch wirklich gar nichts abgewinnen.

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  6. Wow ! Du schreibst wunderbare Rezis !!! :)
    Ich glaube, ich schleiche schon seit Monaten um dieses Buch herum und du hast jetzt den Ausschlag gegeben !
    Danke dir ! Aber wehe es gefällt mir nicht ;)

    Liebste Grüße Alina :)

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    1. Dankeschön :-)
      Also Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden, aber ich habe das Buch nach bestem Gewissen rezensiert und ich hoffe, es kann dich genauso begeistern wie mich :-)

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  7. Tolle Rezi!!!
    Super geschrieben. Das Buch möchte ich auch noch unbedingt lesen.

    LG
    Lilly

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  8. Bei mir war es genau umgekehrt - ich konnte mich mit dem blumigen Schreibstil einfach nicht anfreunden. Ich denke das ist Geschmackssache, in einer Dystopie erwarte ich persönlich einen eher kargen Stil, es geht schließlich auch um eine karge Welt.
    Sicher eher ein Buch für die hoffnungsvollen Romantikerinnen unter den Dystopien-Leserinnen ;)

    LG, Katarina :)

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  9. Bin gerade durch die Rezi zur Geschichte des Antagonisten darauf aufmerksam geworden und habe es mir gerade bestellt, mal sehen wie es ist :)

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