07.05.2014


"Sie geht gar nicht davon aus, dass ich jemals rauskommen werde - für sie bin ich schon längst im System drin, die ganze Laufbahn vorprogrammiert. Pflegeeltern. Heime. Jugendknast. Knast. Und was kommt, wenn ich meinen Abschluss mache? Das Hauptquartier vom Experiment - damit sie endlich mein verdammtes Hirn einlegen können." (S. 113/114)

Anais ist gerade mal fünfzehn Jahre alt und doch wurde sie schon öfter von der Polizei aufgegriffen, als sie zählen kann. Drogenbesitz, Diebstahl, Gewalt - die Liste ihrer Vergehen ist lang, weshalb sie von einer Pflegefamilie zur nächsten geschoben wird. Doch nun steckt Anais in ernsten Schwierigkeiten: Eine Polizistin liegt im Koma, und Anais wird dafür beschuldigt. Im Panoptikum, einem Heim für Jugendliche, muss sie nun auf die Untersuchungsergebnisse warten. Ist das auch nur wieder eine neue Taktik des Experiments, bei dem untersucht werden soll, was sie alles ertragen kann, bevor sie endgültig zusammenbricht?


                                                            Meine Meinung                                                            

Ich bin immer offen für Jugendbücher, die anders sind und sich vom Einheitsbrei abheben und so hat mich "Das Mädchen mit dem Haifischherz" sofort neugierig machen können. Mit so einer machtvollen, schonungslos realistischen und harten Geschichte, wie sie mir hier präsentiert wurde, hatte ich jedoch nur im Ansatz gerechnet. Anais entführt mich in eine Welt, in der die Abgeschriebenen und Ungeliebten eine Stimme bekommen. Eine Stimme, die verletzt und die traurig macht. Das Ganze hat mich sehr berührt und mitgenommen und mich auch lange nach dem Lesen noch beschäftigt.  

Die Bezeichnung Jugendbuch hat die Geschichte dabei fast schon nicht mehr verdient, aufgrund der heftigen Thematik. Es geht um Drogen, sexuellen Missbrauch, Gewalt, Prostitution, um ein System, welches die Jungen und Mädchen eigentlich schon abgeschrieben hat und um Charaktere, die unfähig sind, sich von selbst aus ihrer Situation zu befreien. Seid gewarnt, "Das Mädchen mit dem Haifischherz" ist kein Feel-good Buch, bei dem am Ende alles gut wird, denn das entspräche einfach nicht der Realität. Stattdessen wird hier ein erschreckend realistisches Bild vom Pflege- und Sozialsystem gezeichnet, in dem lieblose Menschen nur das Pflegegeld abgreifen wollen und unaufmerksame Erzieher weder Drogenmissbrauch noch Prostitution unterbinden. Trotzdem verströmt die Geschichte aber kein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Und das liegt an der Hauptprotagonistin Anais. 

Anais ist eine sehr ungewöhnliche Sympathieträgerin. Sie gibt sich hart und rau durch ihre Sprache und Benehmen und benebelt sich konstant mit Drogen und Alkohol. Doch das alles sind nur Mittel, um nicht verletzt zu werden. Insgeheim sehnt sie sich nämlich nach familiären Banden, die sie, wie sie selbst weiß, jedoch nie kriegen wird. So bilden die "Insassen" des Panoptikums ihre Ersatzfamilie und auch mir sind ihre dortigen Freunde ans Herz gewachsen. Gleichzeitig flüchtet sich Anais in Fantasien, in denen sie sich ausmalt, wer ihre leiblichen Eltern sind. Interessante Personen sind es, mit spannenden Hintergrundgeschichten, die auch aus Anais etwas besonderes machen. 

Zwar dominiert der ernste Grundton die Geschichte; sie hat aber auch immer wieder lustige Momente, in denen ich über Anais bissige Sprüche lachen musste, mit denen sie gegen Erzieher und generell alle Personen vorgeht, die sie schlecht behandeln. Sie lässt sich trotz der scheinbar ausweglosen Situation, in der sie sich befindet, nicht unterkriegen. Und dass bei den teils unfassbar heftigen Sachen, die ihr hier passieren und die nichts für zartbesaitete Leser sind.

Mir hat dieses Buch sehr gefallen. Meine einzige Kritik besteht darin, dass am Ende doch noch ein paar Fragen offenbleiben. Wir erfahren nur, was Anais weiß, und so wurde mein Wissensdurst nicht ganz befriedigt. Trotzdem kriegt das Buch von mir definitiv eine Weiterempfehlung, auch wenn es keine leichte Kost ist und mir noch lange schwer im Magen lag. Aber es öffnet einem die Augen für die Schicksale derjenigen, die wir in unserer Gesellschaft meist schon abgeschrieben haben. Und gerade dieser Blick macht das Buch zu etwas Besonderem.

Das Mädchen mit dem Haifischherz - Jenni Fagan
Gebundene Ausgabe: 332 Seiten
Verlag: Kunstmann, A; Auflage: 2. Aufl. (12. März 2014)
ISBN-10: 3888979250
ISBN-13: 978-3888979255
Originaltitel: The Panopticon 

Willis Fazit:



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Kommentare:

  1. Hey du =)
    Sehr schöne Rezi! Ich muss allerdings sagen, dass mir das Ende gut gefallen hat, aber ich bin auch generell jemand, der auf ein offenes Ende steht und sich dann so seine Gedanken macht.

    LG
    Anja

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    1. Hi Anja, ich mag offene Enden eigentlich auch, mich hätte nur das mit der Polizistin noch interessiert. Den Rest fand ich sehr gelungen.

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  2. Ich muss sagen ich fand das Buch auch nicht schlecht und ich kann es auch nur empfehlen zu Lesen.Damit man mal sieht das es auch andere Menschen gibt die im Leben nicht sehr viel Glück gehabt haben.Es kann sich keiner seine Familie aussuchen.

    L.G
    Manuela

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    1. Hi Manuela, richtig, finde ich auch, da ist mir richtig bewusst geworden, wie behütet ich eigentlich aufgewachsen bin.

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  3. Ich fand die Geschichte ebenfalls grandios und vor allem toll durch die Autorin umgesetzt. Es ist alles unglaublich realistisch, was auch der Punkt war, weshalb ich das Buch so sehr mochte.

    Liebe Grüße,
    Bramble

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    1. Ja, nicht wahr? Hier wird nix beschönigt, gerade das fand ich auch so gut.

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  4. Hey ;)
    Sehr schöne Rezi ;)
    Über das Buch gibt es ja geteilte Meinungen, deswegen bin ich mir nicht sicher ob ich das BUch jemals lesen werde, aber bei dem Cover sind sich viele einig, dass es nicht schön ist
    LG Anna ♥

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    1. Hi Anna, das ist schade, mir gefällt das Cover sehr, es ist mal was ganz anderes.

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  5. Hallihallo,
    das Buch hat mir auch sehr gut gefallen, das Ende fand ich ok, weil es nicht so kitschig war, aber auch nicht zu sehr diesen depremierenden Unterton hatte.
    Das Cover und auch der Vorsatz (das Papier, was zwischen Buchdeckel und Titel geklebt ist) sind richtig gelungen, finde ich! Mal etwas anderes :)

    Liebe Grüße,
    Sandra

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  6. Oha,
    ich musste einfach nachschaun :D
    Eine sehr schöne Rezi, die mich noch neugieriger macht. Ich glaube ich muss die anderen Bücher schneller lesen^^
    Lg Mone P. <3

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  7. Wirklich eine tolle Rezension, auch wenn ich nicht ganz mit dir übereinstimme - ich hatte einen sehr holprigen Start mit dem Buch und wäre es kein Leseexemplar gewesen, hätte ich das Lesen wohl auf unbestimmte Zeit aufgeschoben.
    Nach der langen Eingewöhnungsphase fing es allerdings an, zu gefallen, was das ganze wieder etwas ausgleicht.
    Auf jeden Fall ist es ein besonderes Buch.

    Liebe Grüße
    Smarty

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  8. Hi,
    da fällt mir glatt ein, was ich verdrängt habe, dieses Buch zu rezensieren.
    Muss ich unbedingt noch nachholen. Leider erging es mir ganz anders. Ich wurde einfach nicht warm mit diesem Buch, keine Ahnung was los war. Es zog sich bei mir wie Kaugummi mit dem Lesen, über 8 Wochen für ein Buch ist für mich schon mehr als hart.

    So recht weiß ich eigentlich auch noch gar nicht, was ich dazu schreiben soll. Daher finde ich deine Rezension richtig super.

    P.S. Ich stalke dich nun auch via Bloglovin hier.

    Liebe Grüße

    Janine

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