Heldentage - Ein authentisches Jugendbuch über eine Alltagsheldin

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"Am Abend trinke ich die Restmilch in einem Zug leer, bringe Mutter ihr letztes Bier für heute, lege mich ins Bett und denke kurz daran, dass es keine Katastrophe wäre, am Morgen nicht wieder aufzuwachen." (S. 11)

Einfach nur weg und die Welt kennenlernen, das ist Leas größter Wunsch. Endlich die Orte selbst sehen, die sie nur von den Postkarten ihrer Freunde kennt und für sie bisher nur ein ferner Traum sind. Doch bis es so weit ist, muss sie noch 790 Tage überstehen. 790 Tage, bis Lea endlich volljährig ist, und tun und lassen kann, was sie will. Dann muss sie endlich nicht mehr jeden Tag die Launen ihrer Mutter ertragen oder in abgelatschten hässlichen Schuhen rumlaufen. Stattdessen würde sie reisen, schreiben, endlich einen Jungen küssen. Die ganzen schlimmen Gedanken in ihrem Kopf endlich ruhen lassen. Und vielleicht hätte sie dann ja noch einmal eine Chance bei Lenny, den sie immer noch liebt, obwohl er mit ihr Schluss gemacht hat...


                                                              Meine Meinung                                                             

Was macht einen eigentlich zu einem Helden? Muss man immer mutig sein? Große Abenteuer erleben? Oder sind es eher kleine Dinge, wie den Alltag zu meistern, auch wenn man das Gefühl hat, manchmal von seinen Problemen schier erdrückt zu werden? Von solch einer Alltagsheldin erzählt uns Sabine Raml in ihrem Debüt. Dabei ist ihr ein thematisch eindrucksvolles und wortgewaltiges Buch gelungen, welches mich auch nach dem Lesen noch eine ganze Weile beschäftigt hat.

In Heldentage geht es um die fünfzehnjährige Lea, die echt kein leichtes Leben hat. Ihre Mutter ist Alkoholikerin, die ihren Frust nur zu gerne an ihrer Tochter auslässt und für die Lea ständig Nachschub an "Flaschenfreunden" besorgen muss, sie haben so wenig Geld, dass Lea ihre Klamotten vom Sozialamt gestellt bekommt und meist mit leerem Magen ins Bett gehen muss und ihr Vater hat sich schon vor Jahren aus dem Staub gemacht. Und dann macht ihr erster Freund Lenny auch noch auf echt lahme Weise mit ihr Schluss. Einzig der Gedanke, dass alles besser wird, sobald sie erst einmal volljährig ist, hält Lea noch am Laufen.  

Ihre Geschichte hat mir wirklich einen Kloß im Hals beschert, denn das Buch zeigt auf eine stille, aber dadurch nur noch eindringlichere Weise, wie sehr Vernachlässigung und Überforderung einem Kind schaden können, auch wenn es für die Außenwelt vielleicht nicht auf den ersten Blick sichtbar ist. Lea leidet sowohl psychisch als auch physisch unter ihrer Situation und es hat mich wirklich tief getroffen, was dieses junge Mädchen alles allein durchstehen muss, denn das ist eindeutig mehr, als ein Kind jemals durchmachen sollte. Besonders mitgenommen hat mich beim Lesen, dass Dinge, die ich für klein und selbstverständlich halte, es für Lea keineswegs sind:

"Ich weiß nicht, ob das normal ist, dass alles, was mir am Tag fehlt, in der Nacht in Hülle und Fülle da ist. Schuhe, Essen, Klamotten, Luft, Vater, Lenny." (S. 11)

Das hat mich unheimlich traurig, demütig und auch wütend gemacht. Denn für die meisten Mädchen und Jungen ist es kein sehnsüchtiger Traum, genug Essen auf dem Tisch zu haben oder Eltern, die sich um einen kümmern, sondern Normalität. Dadurch kriegt man aber auch eine Ahnung davon, wie stark Lea eigentlich ist, auch wenn sie das selbst nicht sieht. Sie steht mit ihren Problemen ganz alleine da (zumindest denkt sie das), und dass sie das alles schon so lange durchhält, macht sie tatsächlich zu einer Heldin. Aber wie lange kann ein Kind solchem Druck standhalten, bis es zerbricht?

Heldentage liest sich wirklich sehr authentisch und hat mich wohl auch deshalb so mitgenommen, weil ich mir sehr gut vorstellen kann, dass es viele Kinder in unserem Land gibt, die unter solchen Umständen aufwachsen müssen. Doch obwohl das Thema des Buches ziemlich bedrückend ist, hat mich die Geschichte nicht runtergezogen, denn sie liest sich trotzdem irgendwie leicht, was an dem herrlich bildreichen Erzählstil der Autorin liegen mag. Und wie man es von einem Jugendbuch erwarten kann, schimmert natürlich auch immer wieder die Hoffnung durch, so dass man eben nicht mit einem ohnmächtigen und hilflosen Gefühl zurückbleibt.

Insofern ist Sabine Raml hier ein sehr ehrliches und ungeschöntes Sozialporträt gelungen, welches in meinen Augen zu Recht mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg ausgezeichnet wurde, schon bevor es überhaupt veröffentlicht wurde. Wer nicht vor ernsten Themen zurückschreckt, sollte dieses Buch wirklich nicht verpassen, denn es ist unbedingt lesenswert! 

Heldentage - Sabine Raml 
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (2. März 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453269608

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1 Kommentare

  1. Das Buch steht (noch) auf meiner Wunschliste, und deine Rezension hat mir meine Erwartungen nochmals bestätigt: eine schön zu lesende Geschichte, die eine sehr besondere Hauptfigur hat, die eine richtige "Heldin" ist, auch wenn sie nicht so eine "08/15 Heldin" ist, wie sie in den meisten Büchern sind.

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