Warum es die Medien nicht hinkriegen, Frauen gleichberechtigt darzustellen

Lange ist es her seit meinem letzten Aufreger-Artikel, aber heute muss ich wieder einmal Dampf ablassen. Grund ist ein Film, der mir wieder einmal bewusst gemacht hat, dass die Medien es oftmals einfach nicht hinkriegen, Feminismus und Gleichberechtigung gelungen darzustellen. 


Die Rede ist von "Terminator: Dark Fate" klassisches Popcorn-Kino zum Abschalten und berieseln lassen. Das habe ich gestern Abend im Kino auch knappe 90 Minuten vergnügt getan, bis es eine Szene im Film gab, bei der ich mir dachte: Ernsthaft, Hollywood? Nämlich, als das Geschlecht der Hauptprotagonistin plötzlich unerwartet an Bedeutung gewinnt. 

Was bei "Terminator: Dark Fate" schief gelaufen ist


Ab hier, Achtung, Spoiler!

Die ganze Zeit wird ein großes Geheimnis darum gemacht, warum Hauptprotagonistin Danielle vom Terminator ausgelöscht werden soll. Für Sarah Connor ist die Sache sofort klar: Dani wird die Mutter des nächsten Retters, des nächsten John Connors. Für mich dagegen war es von Anfang an vollkommen selbstverständlich, dass die junge Frau selbst die Retterin der Welt sein würde und nicht etwa nur die Mutter des Messias, wie es bei Sarah Connor der Fall war. Letztere dagegen schien aus allen Wolken zu fallen, als ihr klar wird, dass die junge Frau eben selbst diese führende Rolle einnehmen wird - dazu garnieren die Produzenten diese Enthüllung noch mit dramatischer Hintergrundmusik, die diesen Schlüsselmoment besonders betont. Und ich saß da und dachte mir "Echt jetzt? Was ist daran so überraschend?" 

Die Art, wie die Produzenten hier das Geschlecht der Erlöserin in den Vordergrund stellen, hat mich wirklich genervt. Wozu muss man das so plakativ machen? Wozu so sehr herausstellen, dass eine FRAU die Welt retten wird? Als wäre es etwas besonderes oder gar undenkbares, dass eine Frau das könne. Und sowas gerade bei einem Film, der ansonsten dominiert wird von gleich drei toughen Hauptprotagonistinnen, die es von der Intelligenz und Schlagkraft her locker mit jedem Mann aufnehmen können.

Spoiler Ende

Warum mich der Girl Power Moment in "Avengers: Endgame" so gestört hat


Selbes Thema, anderes Beispiel. Diesmal gefunden bei "Avengers: Endgame". Vielleicht ist sie euch auch aufgefallen, eine Szene in der finalen Schlacht, in der sich plötzlich alle weiblichen Charaktere zu einem gemeinsamen Angriff versammeln - in den Medien oft als "Girl Power Moment" beschrieben. Während viele Kinogängerinnen an der Stelle gejubelt haben, hat diese Szene bei mir einfach nur Stirnrunzeln erzeugt, denn für mich wirkte es, als hätten die Produzenten das nur eingebaut, um der damals sehr aktuellen Debatte um #metoo und Antifeminismus in der Filmbranche (bzw. der ganzen Welt) gerecht zu werden und zu zeigen "Hey, wir unterstützen den Gedanken total!". Für mich fühlte sich das unheimlich aufgesetzt, gezwungen und fake an. 

(Natürlich gab es von offizieller Seite eine andere Erklärung für diese Szene. Co-Director Anthony Russo sagte dazu: "Looking back on the entire road that the MCU has traveled, it just struck us how many amazing female characters have entered the [franchise]. I think it was really, for us, a moment of celebration and acknowledgment of the intensity and empowerment in that." Quelle: marvelmoviesnews.com)

Was auch immer die Beweggründe für diese Szene waren, mich hat sie genervt, denn durch dieses Sammeln der Frauen wurde der Fokus wieder total auf ihr Geschlecht gelegt: "Hey siehst du, die ganzen Heldinnen hier sind FRAUEN!" Statt es als total selbstverständlich zu behandeln, dass die weiblichen Charaktere genauso viel drauf haben wie ihre männlichen Kollegen, wird durch diese Szene der Fokus auf ihr Geschlecht statt auf ihre beeindruckenden Fähigkeiten gelegt.

Eine Frage der Repräsentation?


Ja, Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es und können auch ruhig zelebriert werden. Für mich hat es aber nichts mit Gleichberechtigung zu tun, wenn man immer wieder extra betonen muss, dass es hier gerade Frauen sind, die die Rollen übernehmen, die noch vor wenigen Jahren Männern vorbehalten waren. 

Gut, hier kann man nun argumentieren, dass es eine Sache der Repräsentation ist, dass man den Aspekt bewusst betonen und so plakativ machen will, um Frauen in aller Welt zu zeigen: ihr könnt das auch! Ihr seid genauso begabt/mutig/wasauchimmer wie Männer. Gelungen finde ich das aber nicht, denn meiner Meinung nach sollte es lieber als ganz selbstverständlich dargestellt werden, dass Frauen die gleichen Dinge können wie Männer und dabei nicht immer wieder das Geschlecht so in den Fokus gerückt werden. 

Natürlich beschränkt sich dieser Umstand nicht nur auf Medien wie Kino und TV. Auch in der Yellow Press, also Zeitungen wie der BILD, wird bei besonderen Leistungen von Frauen ganz oft das Geschlecht bewusst betont und die eigentliche Leistung wird fast schon nebensächlich. Hauptschlagzeile ist, dass eine FRAU das geschafft hat. Andersrum geht's aber auch: wenn ein Mann im Haushalt oder bei der Kindererziehung hilft, wird das häufig auch als etwas besonderes dargestellt. Und ich denke mir so "Ernsthaft? Dafür soll man sie jetzt feiern?" 

Ein Problem, das es in der Bücherwelt nicht gibt?


Ich habe überlegt, ob mir das in (Jugend)Büchern auch schon so aufgefallen ist, aber entweder lese ich die "falschen" Bücher oder hier wird es nicht so offensichtlich oder einfach besser behandelt. Hier einmal zwei Beispiele aus bekannten Jugendbüchern, in denen das Geschlecht der Heldin weniger eine Rolle spielt als ihre Fähigkeiten. 

Beispiel 1: Katniss aus "Die Tribute von Panem". Sie ist die Leitfigur der Revolution - und das, obwohl sie ein Mädchen ist. Aber wird ihr Geschlecht an irgendeiner Stelle thematisiert oder an die große Glocke gehangen? Nein! Katniss ist für diese Rolle nicht besser oder schlechter geeignet als ein Junge und so wirkt es ganz selbstverständlich, dass ein Mädchen diese führende Rolle einnimmt.

Beispiel 2: Kestrel aus "Spiel der Macht: Die Schatten von Valoria". Kestrel ist die Tochter des Generals und als solche bildet er sie dazu aus, ihm in den Militärdienst zu folgen. An keiner Stelle wird darauf herumgeritten, dass Kestrel ja ein Mädchen und kein Junge ist und dadurch weniger fürs Militär geeignet sein könnte. Oh nein, Valoria ist eine Militärnation und erwartet von jeder Frau, ebenfalls in den Militärdienst zu gehen. 

Bei beiden Büchern mochte ich dieses Selbstverständliche, diese Grundhaltung, die Mädchen genauso viel zutraut wie Jungen. 


Wie ist eure Meinung dazu? Das weibliche Geschlecht in den Medien bewusst in den Vordergrund rücken? Oder ein Fall von guter Zweck, falsches Mittel?  


Kommentare:

  1. Schöner Beitrag! Gerade der Avengers-Moment ist mir auch aufgefallen - da hadere ich ein bisschen mit mir, denn ich sehe da genau die Punkte, die du hier auch ansprichst: einerseits der Fokus darauf, um es plakativ (aber gezwungen) zu machen, andererseits sollte es ja gar nicht betont werden müssen.
    Panem finde ich als Beispiel gut, aber da gibt es ja wirklich sehr viele gute Bücher, die es richtig machen. Ich musste sofort an die "Nebelgeborenen"-Reihe von Brandon Sanderson denken, weil auch dort aus dem prophezeiten Helden aller Zeiten die Heldin(!) aller Zeiten wird, allerdings (meinem Gefühl nach) nicht so plump wie bei Terminator, sondern ganz natürlich: Es war einfach ein Übersetzungsfehler. Es wurde nicht benutzt, um zu betonen, dass es eine Frau ist, sondern einfach als kleiner Red Hering für Leser*innen. :)

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    1. Danke für deine Rückmeldung. Schön zu sehen, dass es nicht nur mir so ging. Eine andere Leserin hat angemerkt, dass hier auch eine Rolle spielen könnte, dass die meisten Produzenten in den USA Männer sind, während Jugendbücher häufig von Frauen geschrieben werden und daher dieser verschiedene Umgang mit den Geschlechterrollen stattfindet.

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