Die Farben der Grausamkeit

12:30


"Er hatte gelernt, seine Welt zu teilen, und dazu gehörte, dass er immer schneller umschalten konnte. Er lebte stets im jeweiligen Jetzt. Mit Selma genoss er ein Familiennestleben. Ein paar Häuser weiter wartete Ursula in einem elfenbeinweißen Skianzug und mit einem Koffer auf ihn. Später wunderte er sich, wie sicher er von einer Lebenswelt in die andere zu wechseln imstande gewesen war, wie ein gewiefter Verbrecher, dachte er, ja, er war ein Grausamkeitsspezialist geworden und hatte sich dabei als einen lebensfrohen Bejaher gesehen."

Richard lebt ein Doppelleben. Ein Leben voller Geborgenheit, Liebe und Beständigkeit mit seiner Frau Selma und den Kindern, und ein Leben der Lust und Freiheit mit seiner Geliebten Ursula. Als diese ihn verlässt, versucht er sie sich aus dem Kopf zu schlagen, indem er ein altes Bauernhaus inmitten der Berge kauft, welches er gemeinsam mit seiner Familie renoviert. Doch Ursula beherrscht noch immer seine Gedanken und lässt ihn an der Familienidylle schier ersticken. Als sich ihm da die Chance bietet, als Auslandskorrespondent im geteilten Deutschland zu arbeiten, überlegt er nicht lange und lässt seine Frau und die Kinder im fertigen Häuschen zurück. Doch ausgerechnet in Berlin, kurz vor dem Mauerfall, trifft er Ursula wieder...



                                                              Meine Meinung                                                             

"Die Farben die Grausamkeit" ist die Geschichte eines innerlich zerrissenen Mannes. Einerseits liebt er seine Frau und seine Kinder über alles und will ihnen auf keinen Fall wehtun, andererseits beginnt er eine Affäre mit seiner Arbeitskollegin Ursula. Er weiß zwar, dass er nie seinen Lebensabend mit ihr verbringen will, trotzdem kreisen seine Gedanken unaufhörlich um sie. Besonders, als Ursula sich in einen anderen verliebt und ihn zurücklässt.

Es wäre langweilig, wenn alle Autoren auf dieselbe Art schreiben würden, und so muss man den Hut vor Zoderer ziehen, denn er hat einen ganz eigenen, ungewöhnlichen Schreibstil entwickelt. Leider tat ich mich anfangs sehr schwer damit, einen Zugang zu seiner Sprache zu finden. Es ist nicht so, dass er unbekannte oder schwierige Wörter gebraucht; seine Satzkonstruktionen erfordern einfach viel Aufmerksamkeit beim Lesen und lassen die Geschichte etwas schwerfällig voranschreiten. Besonders seine ausufernden Naturbeschreibungen im ersten Teil des Buches, der sich fast ausschließlich um den Hausbau in der Bergwelt dreht, fand ich ermüdend und sie verlangten mir einiges an Geduld ab. Auch waren einige von Richards Gedankeneinwürfen, die von schon fast poetischer Qualität erscheinen, mir einfach zu konfus und ich konnte ihre Bedeutung nicht herauslesen. 

Trotz der Kritik ist die Geschichte an sich mitreißend und gefühlvoll, sie liest sich halt nur etwas schwer. Richards Zerrissenheit über die schleichende Entfremdung von seiner Frau und der quälenden Liebe zu Ursula war sehr spürbar und ich konnte sie gut nachvollziehen, auch wenn ich persönlich sein Verhalten für moralisch sehr bedenklich halte. Richard versucht seine Gefühle gar nicht erst mit lahmen Ausreden zu verteidigen, kann aber gerade deshalb wohl auch nie ganz glücklich sein, da er früher oder später immer an die Frau denken muss, die gerade nicht bei ihm ist. Ein unlösbares Dilemma, so dass nach Ende der Lektüre ein bitterer Nachgeschmack bleibt. 

Zoderer hat im Buch einen Charakter geschaffen, dessen Beschreibung ich auch auf ihn selbst anwenden würde und mein Fazit zu dieser Geschichte bildet: "Er ist ein guter Schriftsteller, auch wenn er kaum gelesen wird, zu kompliziert, was er schreibt, um von Massen gelesen zu werden."

Die Farben der Grausamkeit - Joseph Zoderer
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Haymon Verlag; Auflage: 1 (11. Februar 2011)
ISBN-10: 3852186846

Preis: 19,90 Euro

Willis Fazit:





Vielen Dank an Nicole Oberdanner und den Haymon-Verlag für das Rezensionsexemplar!

You Might Also Like

5 Kommentare

  1. ja, mit der Einstellung von Richard hatte ich auch schwer zu kämpfen und sie war für mich absolut nicht nachvollziehbar. Und stimmt, anfangs habe ich mir auch verdammt schwer getan mit dem Schreibstil des Autors, aber irgendwann war man dann drin und dann lief es richtig gut. LG Isabel

    AntwortenLöschen
  2. Huhu. ^-^

    Ich würde dir gerne einen Blog-Award schicken: http://buchgedanke.blogspot.com/2011/02/mein-erster-blogaward.html

    Liebe Grüße
    Lady of Mystery

    http://buchgedanke.blogspot.com/

    AntwortenLöschen
  3. Ich find's großartig, dass man bei Dir immer ganz andere Bücher findet als in den meisten Blogs. Komme immer wieder gern her.

    LG,
    JED

    AntwortenLöschen
  4. Hi,
    einen Award für dich :)
    http://hunds-buchbesprechungen.blogspot.com/2011/02/unser-zweiter-award.html

    Gruß vom Steppenwolf

    AntwortenLöschen
  5. Guten Morgen.
    Schau mal auf meinem Blog. Da wartet ein Award auf dich! :)
    Liebe Grüße,
    Sophia

    AntwortenLöschen