Freunde der dystopisch angehauchten Fantasy-Geschichten, spitzt die Ohren! Heute möchte ich euch ein ganz besonderes Buch vorstellen, nämlich das neueste Werk von Christelle Dabos, "Die Spur der Vertrauten". Und darum geht es:
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| Gebundene Ausgabe | 640 Seiten | Rotfuchs Verlag | Übersetzung: Amelie Thoma, Nadine Püschel | ab 14 Jahren |
Stellt euch eine Welt vor, in der jeder Mensch mit einem Instinkt geboren wird, der über seine Stellung in der Gesellschaft bestimmt. In dieser Welt versucht Goliath, der mit einem Beschützer-Instinkt geboren wurde, vor Ablauf der Frist noch ein weiteres Leben zu retten, damit er zum Tugendhaften aufsteigen kann. Als er da von verschwundenen Jugendlichen in seinem Bezirk erfährt, wittert er seine Chance: bestimmt müssen sie gerettet werden! Wenn ihm da nur nicht die Vertraute Claire einen Strich durch die Rechnung macht. Denn Claire, deren Instinkt es ist, anderen zuzuhören, ist ebenfalls auf der Suche nach den verschwundenen Kindern. Noch ahnen sie nicht, dass ihre Suche ein Geheimnis ans Licht bringen wird, das droht, die ganze Welt auf den Kopf zu stellen...
Erzählt wird die Geschichte vornehmlich von zwei Charakteren, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Während Goliath den Instinkt eines Schützers hat, durch seine laute Stimme und eher grobes Aussehen auffällt und alles dafür tun würde, um endlich ein Tugendhafter zu werden, fliegt die stille Claire lieber unter dem Radar. Sie ist eine Vertraute - ihr Instinkt bringt sie dazu, den Menschen zuzuhören. Eine Gabe, die einem keinen Ruhm bringt, aber darauf ist Claire auch gar nicht aus. Vielmehr ist sie auf der Suche nach... nun, etwas, das sie gar nicht genau benennen kann, einer Verbindung, mehr als das, was der Instinkt allen Menschen aufzwingt. Und als sie auf der Suche nach den verschwundenen Jugendlichen immer wieder auf mysteriöse Nachrichten trifft, die sich direkt an sie zu richten scheinen, glaubt sie, endlich die Antwort gefunden zu haben.
Die Mischung aus der fast schon kriminalhaften Geschichte und dem spannenden Gesellschaftsentwurf konnte mich richtig faszinieren. Die Handlung beginnt zwar eher gemächlich, nimmt aber richtig Fahrt auf, als das ungleiche Duo den verschwundenen Jugendlichen immer näher kommt. Dabei machen Goliath und Claire wirklich eine richtige Entwicklung durch: Goliath entpuppt sich am Anfang als echter Egoist, dem alles egal ist, besonders seine Mitmenschen, solange er nur zum Tugendhaften aufsteigt. Claire ist sein kompletter Gegensatz und nicht die typische Hauptprotagonistin, denn sie ist eher still und unauffällig, und wirkt auf den ersten Blick, als hätte sie nicht viel zu bieten. Aber dieser Eindruck trügt ganz gewaltig und sie mausert sich zur richtigen Heldin der Geschichte.
Goliaths Bedürfnis, unbedingt ein Tugendhafter zu werden durch das Retten von Menschenleben, kann man schon verstehen, wenn man sieht, wie die Gesellschaft funktioniert, in der er und Claire leben. Denn in dieser Welt bestimmt die Anzahl der Leben, die man gerettet hat, über das gesellschaftliche Ansehen und die Privilegien, die man erhält. Und obwohl es angeblich keine "kleinen" oder unwichtigen Instinkte gibt - im großen Gefüge des Wir, dem der Instinkt dient, sind alle wichtig, damit die Gesellschaft funktioniert - eignen sich doch nicht alle dazu, Menschenleben zu retten.
Das Prinzip des Instinkts, der das Leben in dieser Welt bestimmt, hat nicht nur mich, sondern auch Claire sehr nachdenklich gemacht und zu vielen Gedanken über den Wert der Selbstbestimmung und des freien Willens geführt. Denn wenn man vom Instinkt zu Handlungen gezwungen wird, auf die man keine Lust hat, was soll man dann tun? Denn natürlich gibt es auch in dieser Gesellschaft Menschen, die frustriert über die Fremdbestimmung durch ihren Instinkt sind.
Wenn euch dieses Gedankenspiel ebenso fasziniert wie mich, und wenn ihr wissen wollt, ob es Goliath gelingt, ein Tugendhafter zu werden und Claire ihre Antworten findet, dann müsst ihr "Die Spur der Vertrauten" unbedingt lesen. Es lohnt sich!





















