Mein Bruder heißt Jessica - Aufrüttelndes Plädoyer für Akzeptanz

Heute möchte ich euch in meiner Rezension ein sehr bewegendes Buch zum hochaktuellen Thema Transgender vorstellen: Mein Bruder heißt Jessica von Bestseller-Autor John Boyne. Erfahrt hier, warum mich die Geschichte so begeistern konnte:

Gebundene Ausgabe | 256 Seiten | Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag | Übersetzung: Adelheid Zöfel

Es gibt niemanden, den Sam mehr vergöttert als seinen großen Bruder Jason! Denn Jason ist immer für ihn da, ist der Star der Fußballmannschaft, hat eine hübsche Freundin und ist auch sonst bei allen beliebt. Umso unglaublicher erscheint Sam da, was sein Bruder ihm und seinen Eltern eines Tages aus heiterem Himmel enthüllt: er glaubt, gar kein Junge, sondern vielmehr ein Mädchen zu sein! Während Jasons Outing das Familienleben wie ein Erdbeben erschüttert, wünscht Sam sich einfach nur die Normalität zurück, wie sie vor Jasons Geständnis bestand. Doch als auch außerhalb der Familie bekannt wird, dass Jason sich für ein Mädchen hält, ist es mit der Normalität endgültig vorbei...

Erwachsen werden ist nicht leicht - herauszufinden, wer man ist und wofür man sich interessiert ist etwas, was selbst viele Menschen, die schon längst als erwachsen gelten, noch nicht gelungen ist. Wenn da dann noch so fundamentale Fragen wie nach dem eigenen Geschlecht dazukommen, sind die Schwierigkeiten vorprogrammiert. Genau um diese Frage geht es in John Boynes neuestem Buch für die jüngere Leserschaft, in dem er sich dem Thema Transgender und den Reaktionen auf das Outing einer Transperson widmet. Ich habe das Buch begeistert verschlungen und fand es sehr bewegend, aufrüttelnd und Mut machend.

Im Buch wird eine eher ungewöhnliche Erzählperspektive gewählt. Denn statt die betreffende Person, in diesem Fall also Jessica, selbst die Geschichte erzählen zu lassen, ist es hier ein Familienmitglied, welches von den Schwierigkeiten und Herausforderungen berichtet, die das Transgender Thema mit sich bringt. Gerade diese Sichtweise fand ich richtig spannend, denn dass es nicht leicht ist, sich als transgender zu bekennen und mit vielen Vorurteilen und Anfeindungen einhergeht, habe ich durch echte Erfahrungsberichte wie zum Beispiel von Blogger und Autor Linus Giese schon öfter gelesen. Hier erleben wir jedoch, wie das gesamte Umfeld auf das Outing reagiert.

Traurig, aber nicht unerwartet, begegnet Jessica dabei viel Unverständnis - vor allem von Seiten ihrer Eltern, die durch ihre naiven Sprüche und Überlegungen sehr deutlich machen, wie wenig ernst sie Jessicas Entschluss eigentlich nehmen und dass es sich wohl eher nur um eine vorübergehende Laune handelt:

"Ja, wir sind sehr besorgt, welche Auswirkungen das alles auf Sam hat", sagte Mum. "Was ist, wenn er eines Morgens aufwacht und verkündet, er will... keine Ahnung... er will ein Känguru sein oder was." 

"Ach, du lieber Gott!", rief mein Bruder Jason. "Das ist ja wohl kaum das Gleiche. Ich möchte kein Känguru sein. Ich sage nur, ich weiß in meinem Inneren, dass ich ein Mädchen bin, sonst nichts! Und du vergleichst das damit, dass jemand ein Tier sein will? Merkst du eigentlich, wie sehr mich das -" (S. 117/118)

John Boyne selbst hat als Teenager erkannt, dass er schwul ist, sich aber erst als Erwachsener geoutet. Im Nachwort spricht er darüber, wie sehr es ihm Angst gemacht hat zu entdecken, dass er anders ist als die anderen Kinder, dass er sich vor den Konsequenzen eines Outings gefürchtet und das Gefühl hatte, mit niemandem darüber reden zu können. In "Mein Bruder heißt Jessica" ist er nun dieser Frage nachgegangen, was passiert, wenn ein junger Mensch tatsächlich den Mut findet, zu seinem Innersten zu stehen. 

Die Geschichte richtet sich von der Altersklasse her an Kinder und Jugendliche. Das erklärt auch, warum die Charaktere doch recht einfach und teilweise stereotyp gehalten sind - von den ambitionierten Politiker-Eltern, die keine Zeit für ihre Kinder haben oder diese nur für ihre politische Karriere instrumentalisieren wollen bis hin zu mobbenden Mitschülern, die Sam wegen Jessicas Verhalten und Aussehen auslachen. Im Verlauf des Buchs vollzieht sich natürlich langsam ein Wandel, denn alle Charaktere müssen sich mit dem Outing arrangieren, daran wachsen und ihre bisherige Sichtweise überdenken. Doch der Wandel von Ablehnung hin zur Akzeptanz ist nicht leicht. Besonders trifft das auf Sam zu.

Der zwölfjährige Sam, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, ist ein Einzelgänger, der eigentlich keine Freunde hat, außer eben seinem großen Bruder Jason, seinem Idol in allen Bereichen. Jason hat alles, was Sam sich selbst auch wünscht; zu gerne wäre er selbst wie sein Bruder. Klar, dass Sam da mit Unverständnis reagiert, als Jason verkündet, dass er eigentlich eher seine Schwester ist. Plötzlich wird alles infrage gestellt, woran Sam bisher geglaubt hat. Bis er schließlich erkennt, dass Jessica innerlich immer noch derselbe Mensch ist, den Sam bislang so bewundert hat, ist es ein langer, schmerzhafter Weg.   

Mein Fazit: Mir hat das Buch sehr gefallen, es stecken unheimlich viele wichtige Botschaften und zum Nachdenken anregende Fragen darin: Was macht einen Menschen aus - sein Geschlecht oder sein Charakter? Wie geht man mit Veränderung um? Wie findet man den Mut, sich für andere stark zu machen, wenn man von allen Seiten Gegenwind bekommt?  Und wie wirken sich die eigenen Entscheidungen und Taten auf andere aus? Für mich war es ein wunderbares Kinder-und Jugendbuch, welches ich zur Erweiterung des eigenen Horizonts unbedingt weiterempfehle! 

Kommentare:

  1. Liebe Friederike

    Vielen Dank für den Buchtipp, das klingt fantastisch und auch wenn die Figuren ein wenig stereotyp sind...in welchem Genre sind sie das nicht ;-)

    Weiterführend würde ich dir gerne "Ich bin Linus" von Linus Giese empfehlen, das Buch hat mich tief berührt.

    Alles Liebe
    Livia

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  2. Liebe Friederike,

    danke für die interessante Rezension! Ich habe tatsächlich aus dem LGBT-Bereich erst 2 Bücher gelesen: "Love, Simon" und "Den Mund voll ungesagter Dinge", was mir beides sehr gut gefallen hat. Aber irgendwie sind Geschichten dieser Art immer noch sehr selten auf dem Buchmarkt vertreten und man muss wirklich lange suchen, um fündig zu werden.
    Deshalb nehme ich diesen Buchtipp mit offenen Armen entgegen ;-)

    Liebe Grüße,
    Isa

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