Freitag, 22. Juli 2011

Die dystopischen Zwölf #2 - Wir

"Eure Aufgabe ist es, jene unbekannten Wesen, die auf anderen Planeten - vielleicht noch in dem unzivilisierten Zustand der Freiheit - leben, unter das segensreiche Joch der Vernunft zu beugen. Sollten sie nicht begreifen, dass wir ihnen ein mathematisch-fehlerfreies Glück bringen, haben wir die Pflicht, sie zu einem glücklichen Leben zu zwingen." 

D 503, der Konstrukteur des Raumschiffes Integral, lebt im Einzigen Staat unter der Führung des Wohltäters. Die chaotische und erschreckende Freiheit gibt es nicht mehr, der Staat kontrolliert alles. Statt Namen tragen die Menschen Nummern. Das Land ist von einer Mauer umgeben. Was man in der persönlichen Stunde (=Freizeit) tut, ist genauso vorbestimmt, wie mit wem man zusammen ist und an welchen Tagen der Geschlechtsverkehr ausgeübt wird.

D-503 lebt glücklich in diesem System, bis er I-330 trifft, die sich nicht an die allgemeinen Gesetze hält und der er leidenschaftlich verfällt. Doch diese Gefühle machen ihn regelrecht krank und lassen ihn an allem zweifeln…


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Wir ist eines der Bücher, die ich im Rahmen dieser Aktion zum zweiten Mal lese. Ich erinnere mich noch vage daran, dass mich das Buch beim ersten Mal nicht so fesseln konnte wie die anderen Dystopien. Das lag glaub ich am mangelnden Hintergrundwissen über die zeitlichen Umstände der Entstehung des Buches und an der Ausdrucksweise des Autors, die viel Aufmerksamkeit beim Lesen erforderte. D-503 ist ein Mathematiker, und so beschreibt er die Geschehnisse besonders zu Anfang gerne mit mathematischen Ausdrücken, was sich natürlich nicht sonderlich spannend liest. Aber hier gilt: Zähne zusammenbeißen, geduldig sein und durchhalten! Die Geschichte entschädigt einen dafür.

Die Welt, in der D-503 lebt, erscheint sehr futuristisch. Nach dem 200jährigen Krieg, der fast alles Leben ausgelöscht hat, haben sich die Menschen in eine Stadt hinter riesigen Mauern verschanzt. Sämtliche Gebäude bestehen aus Glas, was den Beschützern natürlich ihre Arbeit erleichtert. Nur zum terminlich festgelegten Geschlechtsvollzug dürfen Vorhänge herabgelassen werden. 

Der Tag ist bis ins kleinste durchorganisiert, so dass das gemeinsame Leben wie eine Maschine problemlos läuft. Jede Nummer steht zur selben Zeit, ja zur selben Sekunde auf, jeder führt den Löffel im selben Takt zum Mund, jeder Tag verläuft auf die Minute geplant. Dies ist laut D-503 auf die Arbeit eines gewissen Taylor zurückzuführen. Damit ist der Mann gemeint, der Anfang des 20.Jh. den Taylorismus eingeführt hat, der sich mit der Perfektionierung von Arbeitsabläufen beschäftigt hat. Taylor war für die Menschen aus D-503's Gesellschaft ein Vorreiter, denn durch seine Arbeit erst wurde der Alltag der Einwohner so perfekt strukturiert.

Man sieht schon, die Menschen in dieser Gesellschaft mögen es klar und strukturiert, mathematisch berechenbar und kontrolliert, maschinell. Der Mensch selbst soll wie eine Maschine funktionieren, man ist sogar verpflichtet, gesund zu sein, um ordentlich zu funktionieren. Menschen, die aus dieser Ordnung ausbrechen, werden von den Beschützern aufgespürt und in Gaskammern vernichtet. Dies alles wird von D-503 sehr emotionslos geschildert, denn er zweifelt nicht an der Richtigkeit dieses Vorgehens und wirkt am Anfang sehr gefühllos. Dies ändert sich erst, als er sich in I-330 verliebt.

Der Gleichschritt der Massen beim täglichen Spaziergang hat etwas Bedrohliches und der stets präsente Konflikt zwischen Individualität und der Masse, dem Wir, war vielen sowjetischen Parteileuten zu Samjatins Zeit ein Dorn im Auge; Wir wurde daher auch nie in der Sowjetunion veröffentlicht.

Es ist zeitweise erschreckend, welches Zukunftsbild Samjatin 1920 in seinem Buch erdacht hat und wie viele Aspekte tatsächlich wahr geworden sind. Raketenflüge, Gehirnchirurgie zur Persönlichkeitsveränderung, Gaskammern, Geheimpolizei, die Mauer, all das existiert im Einzigen Staat bereits, in der Realität ist es bis dahin noch ein weiter und trauriger Weg gewesen.

Mein Fazit: Wir ist eines jener Bücher, die man besser versteht, wenn man ein wenig Hintergrundwissen über die Zeit hat, in der der Autor gelebt hat. Wer sich für Dystopien interessiert, sollte dieses Buch unbedingt einmal lesen, denn es hat quasi den Grundstein für dieses Genre gelegt und auch die Werke von Orwell und Huxley stark beeinflusst. Allein zur Unterhaltung dient dieses Buch jedoch nicht, dazu macht es viel zu nachdenklich und erfordert das Mitdenken beim Leser. Keine allzu leichte Kost, aber für mich ein prägendes Stück Literatur. 

Wir - Jewgenij Samjatin
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (1984)
ISBN-10: 3462016075
Preis: 8,95 Euro

Willis Fazit:





Kommentare:

  1. Auf diese Rezi hab ich mich besonders gefreut. Ich werd es dann für meinen nächsten Bücher-Kauf auf die Liste setzen. LG, Katarina :)

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  2. Wow, soviele Sternchen/Raupen :) Das Buch hört sich wirklich sehr interessant an.

    Schöne Rezension! :)

    LG
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