Die Geschichtensammlerin - Lasst euch von dem Stück rumänischer Geschichte verzaubern

Heute habe ich wieder einen ganz besonderen Lesetipp aus dem Wunderraum Verlag für euch: Die Geschichtensammlerin von Jessica Kasper Kramer. Erfahrt in meiner Rezension, warum ich euch dieses Buch unbedingt ans Herz legen will:

Hardcover | 352 Seiten | Wunderraum Verlag | Übersetzung: M. Ingendaay

"Kein Rumäne sollte je erfahren, wer ihn alles beobachtetete, daher lebten die Menschen in permanenter Furcht. Praktisch alles konnte einem zum Verhängnis werden. Wer mit dem falschen Buch, der falschen Musik, dem falschen Video erwischt wurde, schwebte in Lebensgefahr. Am verdächtigsten aber waren alle diejenigen, die schrieben. Denn wenn man die falschen Wörter zu Papier brachte (und mit den falschen Wörtern auch die falsche Art Geschichte), konnt es sein, dass man einfach verschwand." (S. 8)

Ileana liebt Geschichten, ganz gleich ob wahr oder erfunden, alle sammelt sie in einem Ordner. Nicht selten wandelt sie dabei das Ende ab, wenn es ihr nicht gefällt. Als sie in einer dieser Geschichten den Führer verhöhnt und damit ins Visier der Securitate gerät, schicken ihre Eltern sie aus der Hauptstadt Bukarest aufs Land, wo sie bei ihren Großeltern untertauchen soll. Doch die Geheimpolizei verfolgt sie auch bis dort und Ileana muss alle Lehren aus ihren Geschichten heranziehen, um zu überleben...

Es war mir wieder einmal ein Vergnügen, lieber Wunderraum Verlag! Denn mit Die Geschichtensammlerin habt ihr mir eine wundervolle Mischung aus Historienroman und Märchenerzählung präsentiert, die unheimlich bildreich, fesselnd und lehrreich war. Dabei zählt Historisches sonst gar nicht so zu meinem Beuteschema. Aber in der Erzählung von Jessica Kasper Kramer stimmt einfach alles, weshalb das Buch verdienterweise zu einem meiner Jahreshighlights geworden ist.

Die Geschichte spielt 1989 in Rumänien und wer sich mit Geschichte auskennt, weiß, dass in diesem Jahr eine blutige Revolution gegen den damaligen Herrscher Ceaușescus ausbrach. Bis 1989 wurde Rumnänien regiert von einem Diktator, der sein Volk systematisch hungern und überwachen ließ. Jede Art von Andersdenken, von Kritik am Führer wurde mit Jobverlust, Freiheitstrafen oder Folter geahndet - nicht selten verschwanden die Leute einfach. In diesem Klima der ständigen Angst wächst Ileana auf. Selbst nach einer Figur aus einer rumänischen Geschichte benannt und mit einem Literaturprofessor als Vater, wurde Ileana die Faszination für Geschichten quasi in die Wiege gelegt. Als sie in einer ihrer Geschichten jedoch den Führer verhöhnt, schicken ihre Eltern sie aufs Land zu ihrer Großmutter, wo die Legenden und Sagengestalten scheinbar genauso echt sind wie die Wölfe und Bären, die nachts durch die Wälder streifen.

Die Geschichtensammlerin verfolgt die Geschichte eines mutigen jungen Mädchens auf der Flucht vor der Geheimpolizei. Ileana ist eine wundervolle Protagonistin; ich konnte ihre Ängste um ihre Familie und ihren Unwillen, sich fernab der Gefahr im ländlichen Dorf zu verstecken, absolut nachempfinden. Und ihre naive, kindliche Wahrnehmung der Geschehnisse um sie herum, ihr Kampf mit Alltagsproblemen wie der Schikane durch die Dorfkinder, während im Hintergrund bereits langsam die Revolution Fahrt aufnimmt, hat die Geschichte nur umso spannender gemacht. Die Erzählung wechselt dabei regelmäßig zwischen Ileanas Flucht und Leben auf dem Land und ihrer Nacherzählung des Märchens der listigen Ileana hin und her, einer Prinzessin, die ihre Feinde mit ihrer Klugheit besiegt und verblüffende Parallelen zu Ileanas eigenen Erlebnissen enthält.

Die Autorin kombiniert in ihrer Erzählung rumänische Folklore und Sagengeschichten mit Tatsachenberichten von Bekannten, die zu der Zeit in Rumänien aufgewachsen sind. So erhalten wir einen faszinierenden Einblick in die rumänische Kultur, in die raue, wilde Naturlandschaft und in die Geschehnisse der Schicksalsstunde Rumäniens. Alles war unheimlich plastisch geschildert, ich konnte mir das entbehrungsreiche, aber urtümliche und entschleunigte Leben in der Bergwelt Rumäniens, aber auch das angespannte Leben in der Hauptstadt Bukarest wirklich bildlich vorstellen.

Ich bin sonst keine Leserin von historischen Romanen, aber diesen hier habe ich regelrecht verschlungen und gespannt an den Seiten gehangen. Wohl einerseits, weil ich im Gegensatz zu Ileana schon wusste, was geschehen würde und atemlos die Entwicklungen verfolgt habe. Andererseits, weil es sich wie eine waschechte Dystopie gelesen hat, und doch alles wahr und keine Fiktion ist. Von daher war Die Geschichtensammlerin ein rundherum faszinierendes Leseerlebnis, welches ich euch unbedingt empfehlen möchte. Lasst euch genau wie ich von der mutigen Ileana und ihren Geschichten verzaubern!


1 Kommentar:

  1. Hallo Friederike,

    wie faszinierend die Storyline klingt. Es erinnert mich ein bisschen an Pans Labyrinth, auch wenn es vielleicht weit hergeholt ist.
    Historisch und kulturell kenne ich mich mit Rumänien absolut nicht aus, daher danke für diesen Tipp :-)

    Liebe Grüße
    Tina

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