Bergland - Das bewegende Portrait einer Bauernfamilie über drei Generationen

Heute habe ich wieder einen Geheimtipp aus dem Wunderraum Verlag für euch: Bergland von Jarka Kubsova. Lasst mich euch in meiner Rezension erzählen, was mich daran so begeistert hat:

Gebundene Ausgabe | 288 Seiten | Wunderraum Verlag

 
"Das war Rosas schwer zu regierendes Reich. (...) Nichts hatte dieser Boden ihr je geschenkt, und trotzdem tat sie immer so, als wäre sie ihm etwas schuldig. Schwere Stiefel an den Füßen, blauer Schurz überm Arbeitskleid, diesen alten Männerhut auf, so stand sie in ihrem Bergland, und sie würde hier nicht weichen. Hatte Wurzeln geschlagen in diesem Acker, rührte sich nicht von der Stelle und kriegte gar nicht mit, wie die Welt sich weiterdrehte, wie sie hier oben den Anschluss verloren. Merkte nicht, dass das, mit dem sie verwachsen war, im Verschwinden begriffen war. Wenn sie nicht bald etwas ändern würden, wenn sie sich nicht rührten und vorwärtskamen, dann würden sie mit verschwinden." (S. 60)
 
Südtirol, 1941: Nachdem ihr Vater verstorben ist, führt die junge Rosa den abgelegenen Innerleithof ganz allein weiter, und versetzt damit die gestandenen Bauern des Tiefenthals in Erstaunen. Denn Rosa scheint Tier und Natur besser zu verstehen als jeder andere und lenkt ihren Hof mit sicherer Hand durch jedes Unglück... Zwei Generationen später können sich Rosas Enkel Hannes und seine Frau Franziska nur noch dank des Tourismus über Wasser halten. Als das Leben am Hof immer untragbarer wird, müssen sie sich derselben Entscheidung stellen, die auch schon Rosa treffen musste: gehen oder bleiben?

Was für ein Überraschungshit! Zwar bin ich es ja gewohnt, dass die Bücher aus dem Wunderraum etwas ganz Besonderes sind und mich immer wieder verzaubern können. Aber dass mich die scheinbar ach so gewöhnliche Geschichte einer Bauernfamilie so in ihren Bann schlagen kann, damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Und doch ist es genau so gekommen bei "Bergland", einer in all ihrer Alltäglichkeit doch unheimlich fesselnden Geschichte über drei Generationen hinweg.

Es beginnt mit der jungen Rosa, die nach dem zweiten Weltkrieg allein zurückbleibt auf dem Innerleithof, der am höchsten gelegene Bauernhof im Tiefenthal. Nachdem ihre Brüder nicht aus dem Krieg zurückgekehrt und der Vater verstorben ist, muss Rosa sich entscheiden, ob sie das harte Leben am Berg hinter sich lassen will. Doch zur Überraschung aller entscheidet sich Rosa dagegen und führt den Hof fort - erfolgreicher als jeder andere Bauer im Tal trotzt sie allen Schicksalsschlägen! Doch mit den Jahren wandelt sich das Leben im Tal, während der Fortschritt Einzug hält:

"Produktionskrankheit. Solche Vokabeln gingen neuerdings nicht nur dem Veterinär wie selbstverständlich über die Lippen. Man sprach jetzt von Verschleiß und Wartung, wenn es um Kühe ging. Von Hochleistern, Wirtschaftlichkeit und Rentabilität. Sepp war ja im Prinzip für eine fortschrittliche Landwirtschaft, aber mussten sie jetzt alle so sprechen, als würde man bei Fiat in der Werkshalle stehen?" (S. 227)
Die Probleme, mit denen schließlich Rosas Enkel siebzig Jahre später zu kämpfen haben, sind schon gar nicht mehr vergleichbar mit denen, die Rosa am Berg geplagt haben. Anspruchsvolle Touristen und irrsinnige Anforderungen des Tourismusverbands plagen die junge Familie, und immer wieder kommen ihnen Zweifel, ob dieses Leben wirklich das richtige für sie ist. Dieser Konflikt zwischen Gehen und Bleiben, zwischen Heimatverbundenheit und der drohenden Notwendigkeit, sein Glück anderswo zu suchen, war deutlich spürbar und sehr emotional. Rosas Leben als auch das ihrer Nachfahren ist so tief verwurzelt mit dem Innerleithof, dass ein Leben jenseits davon unvorstellbar erscheint. 

Die Autorin hat für die Recherche mehrere Monate auf einem südtiroler Bauernhof verbracht, sich die alten Geschichten erzählen und von teils realen Geschehnissen inspirieren lassen. Und diese Authentizität merkt man dem Buch auf jeder einzelnen Seite an, die Schicksale so vieler Bauern hallen einem hier regelrecht entgegen. Besonders Rosa hat mich dabei beeindruckt. In einer unwirtlichen Umgebung, ohne Strom oder jegliche technische Hilfsmittel, erträgt sie nicht nur harte körperliche Arbeit, sondern auch Einsamkeit und Verlust.

Die beispielhafte Geschichte von Rosas Familie hat mir die krankhaft wuchernden Auswüchse der Landwirtschaft und des Tourismus so richtig bewusst gemacht, welche die ursprüngliche Landschaft und Bewirtschaftung für immer verändert haben. Das hat mich sehr nachdenklich gestimmt und mir nur allzu bewusst gemacht, dass nicht jeder Wandel einer hin zum Besseren ist - so wie es auch Rosas Familie irgendwann erkennen muss.

Trotz dieses nachdenklich stimmenden Aspekts hat sich die Geschichte unglaublich fesselnd gelesen. "Bergland" war so stimmungsvoll und atmosphärisch geschrieben, dass ich mich in Gedanken wirklich an Rosas Seite inmitten der Berge gesehen habe und den würzigen Duft von Heu und Wäldern in der Nase hatte. Das Buch hat in mir eine große Sehnsucht geweckt, nach saftigen Wiesen, nach einem entschleunigten Leben inmitten der Ruhe der Berge. Wer von euch also eine kleine gedankliche Auszeit vom eigenen hektischen Alltag sucht - hier ist sie! Von mir gibt es für dieses eindrucksvolle Buch eine unbedingte Leseempfehlung. 

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Für die erforderliche Zuordnung des Kommentars werden personenbezogene Daten von dir gespeichert, nämlich Name, E-Mail und IP-Adresse. Durch das Absenden des Kommentars erklärst du dich hiermit einverstanden.