Und der Ozean war unser Himmel - Eindrucksvolle Anti-Kriegsgeschichte

Heute habe ich einen ganz besonderen und bildgewaltig illustrierten Buchtipp für euch: Und der Ozean war unser Himmel von Patrick Ness, illustriert von Rovina Cai.

Gebundene Ausgabe | 160 Seiten | cbj Verlag | Übersetzung: Bettina Abarbanell | ab 12 Jahren

"Wenn es sein muss", höhnte er. "Ja, von eurem Müssen habe ich gehört. Wale und die kostbaren Prophezeiungen, denen sie folgen. Wir müssen es tun. Es ist uns prophezeit worden. Ihr drückt euch vor der freien Wahl. Und vor den Konsequenzen. Quäle mich, verletze mich, töte mich. Mach das alles, aber tu nicht so, als gäbe es ein Muss. Auf diese Weise rationalisiert man bloß das Böse." (S. 77)

Bathseba ist stolzes Mitglied der Jagdtruppe um die sagenumwogene Jägerin Alexandra, die stets alles riskieren im ewigen Kampf der Wale gegen die Menschen. Als sie auf ein verunglücktes Schiff der Menschen treffen, wittern sie zunächst leichte Beute. Stattdessen jedoch stoßen sie auf einen Überlebenden, der sie auf die Spur eines wahren Monsters bringt: Toby Wick, der größte Feind der Wale...

Patrick Ness hat mir vor Jahren mit seinem Buch "Sieben Minuten nach Mitternacht" ein emotional absolut heftiges Leseerlebnis beschert, bei dem ich weinend vor den Seiten saß und das Buch schluchzend und tief getroffen beendet habe. Von diesem Autor erwarte ich seitdem Großes, und das hat er mir auch hier wieder geliefert. "Und der Ozean war unser Himmel" erzählt eine eindrucksvolle Anti-Kriegsgeschichte über Toleranz, Loyalität und die zerstörerische Kraft von Vorurteilen. 

Die Geschichte wird aus der Sicht des Wals Bathseba erzählt. Nachdem ihre Großmutter ihr prophezeit hat, dass sie zur Jägerin werden würde, schließt sie sich der berühmten Jägerin Alexandra als Lehrling an, die kein anderes Ziel kennt, als den berühmten Toby Wick zur Strecke zu bringen: den Menschen, mit dem die Wale seit Jahren Krieg führen. Auch Bathseba hat wegen der Menschen schon geliebte Familienmitglieder verloren und lange Zeit nur Rache im Kopf gehabt. Doch je länger sie ihre Kapitänin begleitet und deren skrupelloses Verhalten erlebt, desto häufiger kommen ihr Zweifel, ob deren Weg wirklich der richtige ist. Als sie dann auch noch einen Menschen gefangennehmen und Bathseba damit beauftragt wird, ihn am Leben zu erhalten, um Informationen aus ihm herauszupressen, gerät ihr Glaube an den gerechten Kampf der Wale immer mehr ins Wanken... 

Was für ein Buch! Erneut konnte mir Patrick Ness eine Gänsehaut nach der anderen bescheren und mich emotional total aufgewühlt vor den Seiten sitzen lassen. Diese Geschichte über einen Krieg, der scheinbar schon endlos währt und den beide Seiten für gerechtfertigt halten, hat mich sehr mitgenommen. In diesem Buch stecken nämlich so viele schmerzhafte Wahrheiten über die Macht von Vorurteilen und Ängsten, über bedingungslose Loyalität und das Leiden, welches Krieg verursacht. 

Bathseba als Wal war dabei ein sehr nahbarer Charakter. Eigentlich wollte sie gar keine Jägerin werden, daher hadert sie immer wieder mit dem ihr scheinbar vorherbestimmten Weg, den ihr die Prophezeiung auferlegt hat. Und es fällt ihr schwer, den Befehlen ihrer Kapitänin so blind zu folgen, wie es von ihr erwartet wird. Besonders als Bathseba im Gespräch mit dem Gefangenen erfährt, dass sie einander gar nicht so unähnlich sind. Und trotzdem - die Dialoge mit ihm offenbaren Bathseba auch die Ausweglosigkeit ihrer Situation:

"Wenn ein Mensch und ein Wal miteinander sprechen", sagte er, als wäre es ein gängiges Sprichwort, "muss einer von beiden sterben." "Nicht immer. Es hat auch schon Friedensgespräche gegeben."
"Fehlschläge. Allesamt."
"Ihr jagt uns."
"Ihr jagt uns."
"So ist es schon immer gewesen und so wird es immer sein." (S. 51/52)

Die Geschichte an sich trägt schon unglaublich viel Dramatik, Leid und Schmerz in sich. Und doch gelingt es Rovina Cai mit ihren unglaublichen Illustrationen, diesen Eindruck noch weiter zu steigern. Alle Bilder sind in Grau-schwarz und Rot gehalten und erwecken den Eindruck von Kälte, Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit und unterstreichen die Handlung damit aufs Treffendste. So haben Ness und Cai hier mit "Und der Ozean war unser Himmel" ein Gesamtkunstwerk erschaffen, welches die Sinnlosigkeit von Krieg eindrucksvoll verdeutlicht. Kein leichtes, aber trotzdem ein absolut empfehlenswertes Leseerlebnis!
"Wer den Teufel bekämpft, wird selbst zum Teufel." "Vielleicht kann ja aber nur ein Teufel einen Teufel bekämpfen", sagte ich. 
"Doch wenn dieser Kampf zu Ende ist, Bathseba", sagte er, "bleiben dann nicht nur noch Teufel übrig?" (S. 99)

 

1 Kommentar:

  1. Hallo Friedelchen,

    mir gefallen heute besonders gut die Zitate, die du aus dem Buch herausgegriffen hast. Ich habe das Buch auch gelesen und fand es ebenso beeindruckend wie du.
    Wirklich toll geschriebene Rezension. Ich kann das nur noch unterstreichen =).
    Über das viele Blutvergießen war ich sehr erschrocken, aber insgesamt sehr beeindruckendes Werk.

    LG
    Anja

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