Der Wind in meinem Herzen - Schmerzlich schönes Lesehighlight

Heute habe ich wieder eine Buchempfehlung aus dem Wunderraum Verlag für euch: Der Wind in meinem Herzen von Francesca Diotallevi. Warum mich der historisch angehauchte Roman so überzeugen konnte, erfahrt ihr hier: 

Gebundene Ausgabe | 288 Seiten | Wunderraum Verlag | Übersetzung: B. Neeb, K. Schmidt  | Hier kaufen

"Die Menschen passen sich an die Umgebung an, in der sie leben, dachte ich. Hier oben, zwischen diesen unwegsamen Bergen, herrschte eine so finstere Stille, dass man am Leben selbst zweifelte. Man stand mit der Sonne auf und legte sich schlafen, wenn sie unterging. Die Menschen waren geprägt von der eisigen Kälte und von der Mühsal, von den zahlreichen Herausforderungen, denen sie sich stellen mussten, um an einem so unzugänglichen und harten Ort wie diesem kleinen windgepeitschten Dorf zu überleben." (S. 73)

St. Rhémy, Aostatal, während des ersten Weltkrieges: Dank ihres umfassenden Wissens über Heilpflanzen und ihrer feuerroten Haare ist die junge Fiamma im Dorf als Hexe verschrien. So lebt sie zurückgezogen in den Wäldern, nur mit der Natur als Gesellschaft - und den heimlichen Besuchen der Dorfbewohner spätnachts, die doch nicht auf Fiammas Heiltränke verzichten wollen. Einzig Raphael fürchtet Fiamma nicht, ist er doch schon seit seiner Kindheit mit ihr befreundet. Als er eines Tages in den Krieg eingezogen wird und stirbt, bleibt Fiamma isoliert zurück. Bis ein neuer Pfarrer ins Dorf kommt und sich vornimmt, das Mädchen wieder der Herde zuzuführen... 

Leute, ich schwärme ja in schöner Regelmäßigkeit von den Büchern aus dem Wunderraum Verlag, und auch diesmal ist es nicht anders. Die Geschichte aus der Feder von Francesca Diotallevi hat mich unheimlich packen können. Sie beruht zum Teil auf echten historischen Ereignissen und dreht sich um geheime Liebe, Vergebung und den Mut, zu seiner Andersartigkeit zu stehen, in einer Umgebung, in der alles was anders ist, abgelehnt wird. 

Inmitten der Alpen liegt das Dorf St. Rhémy, umgeben von schneebedeckten Bergspitzen und tiefen Wäldern. Die Menschen im Dorf wirken wenig zugänglich, wortkarg und ernst, denn die unbarmherzige Berglandschaft überleben nur die Härtesten. Um das fordernde, entbehrungsreiche Leben zu ertragen, wenden sich die Einwohner stark der Religion zu, die ein besseres Leben nach dem Tod verspricht. Geleitet wird die Gemeinde von einem alten Pfarrer, der jede Andersartigkeit verdammt. Und auf niemanden trifft das mehr zu als auf Fiamma, das neunzehnjährige Mädchen, welches seit dem Tod seiner Mutter allein im Wald lebt. 

Fiamma ist ein sehr faszinierender Charakter. Nicht nur aufgrund ihrer äußeren Erscheinung sticht sie regelrecht aus dem Blassgrau der Dorfbewohner und der Landschaft heraus. Sie führt ein Leben, welches man auch heute noch als unkonventionell beschreiben würde, und lebt unverheiratet allein im Wald - ein Skandal zur damaligen Zeit. Was ich so faszinierend an ihr fand: sie führt ein absolut freies Leben, ist an niemanden gebunden, auf niemanden angewiesen und gestaltet ihr Leben genau so, wie sie es möchte - und das in einer Landschaft, die einem nichts verzeiht und in der man sich selbst zu helfen wissen muss. Aber Fiamma ist auch einsam, was man nach und nach bemerkt, während ihre Sehnsucht nach Kontakt zu anderen Menschen - bzw. zu einem ganz bestimmten anderen Menschen - immer stärker durch die Seiten klingt:

“Schau, hätte ich ihm am liebsten gesagt, wie ich neunzehn Jahre lang gelebt habe. Und wie ich lebe. Ich brauche niemanden, nicht einmal dich, deinen Atem, deine Haut.
Doch das stimmt nicht.” (S. 104)

Neben ihrer Sichtweise wird die Geschichte aus zwei weiteren Perspektiven erzählt: aus der des Priesters Agape, der neu aus Rom ins Dorf kommt und sich damit abmüht, zu den verschlossenen Dorfbewohnern durchzudringen, und Yann, der große Bruder von Raphael, Fiammas einzigem Freund. Agape muss schnell feststellen, dass die Gemeinde stark zusammenhält, Außenstehende jedoch sehr argwöhnisch und mit wenig Nächstenliebe betrachtet - und zu ihnen zählt auch Fiamma. Besonders Yann macht aus seiner Abneigung für sie keinen Hehl. Immerhin wirft er ihr den Tod seines jüngeren Bruders vor. Und dann gibt es da noch eine ganz persönliche Angelegenheit, die er der jungen Frau nachträgt...

Diotallevis Erzählstil ist schnörkellos und auf den Punkt gebracht und transportiert trotzdem unheimlich viel Detailreichtum. Sie hat mich die karge, kalte Berglandschaft und das Gemüt der Einwohner, welches genauso harsch ist wie das Wetter, hautnah miterleben lassen. Aber wer nun denkt, dass es hier nur kalt und abweisend zugeht, irrt sich gewaltig. Denn trotz des unwirtlichen, rauen Settings steckt hier eine Geschichte voller Leidenschaft und tiefer Gefühle hinter dem Buchdeckel. 

Das Grundthema der Geschichte ist nämlich die Liebe in all ihren Formen: es geht um unerwiderte Liebe, geheime Liebe, die man sich nicht einmal selbst eingestehen mag, um verbotene Liebe, um die Liebe zur Familie. Die Geschichte steckt voller Sehnsüchte und Begierden und mündet in einer leidenschaftlichen, absolut unkitschigen und trotzdem enorm mitreißenden Liebesgeschichte, die mich unheimlich an die Seiten fesseln konnte.

Mein Fazit: Liebe, Vergebung, Freiheitsdrang - dieses Buch hat mir schmerzlich schöne Lesestunden beschert und wer auf der Suche nach einer leidenschaftlichen und trotzdem nicht kitschigen Liebesgeschichte ist, sollte hier unbedingt zugreifen. Für mich ist Der Wind in meinem Herzen eines der besten Bücher des Jahres!


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