27.08.2011

"Ich bin daran gewöhnt", sagte ich. "Woran?"
"Daran, dass Menschen kommen und gehen. Dass ich allein bin. Mein ganzes Leben lang bin ich die meiste Zeit allein gewesen. Nach einer Weile gewöhnt man sich dran, irgendwann gefällt es einem sogar."
Wieder blieb es lange still. Henry senkte den Kopf, ich hörte seinen Atem, spürte, wie er nachdachte über das, was ich gesagt hatte.
"Blödsinn", sagte er und schloss die Tür hinter sich.


Die fast zwölfjährige Zoë wird nach dem Tod ihrer Mutter von ihrem Onkel Henry adoptiert. Bei diesem griesgrämigen, mürrischen Bär von einem Mann soll sie nun wohnen, mitten im Wald? Henry interessiert sich mehr für seine Werkstatt und seine Kunstwerke als für sie und in die Schule soll sie nun auch noch gehen. Der einzige Lichtblick ist der streunende Kater, der ums Haus herumschleicht und den sie gleich in ihr Herz schließt. Doch als sie im Wald eine alte Hütte findet, in der scheinbar ein mysteriöser Junge mit einem weißen Rehkitz wohnt, beginnt das Leben bei Henry doch noch interessant zu werden...

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Ein streunender Kater hat Clay Carmichael auf die Idee zu diesem Buch gebracht. Solch ein Streuner schleicht sich auch gleich nach ihrer Ankunft in Zoë's neues Leben und gewinnt ihr Vertrauen. Denn zu Tieren hatte Zoë schon immer eine besondere Verbindung, ganz im Gegensatz zu Erwachsenen, die sie immer nur enttäuscht haben. 

Zoë war ihr ganzes bisheriges Leben lang auf sich allein gestellt. Ihre psychisch kranke Mutter verbrachte ihre Zeit entweder in psychiatrischen Kliniken oder in Bars, wo sie einen schleimigen Versager nach dem anderen aufgerissen hat. Und auch die Freunde ihrer Mutter zeigten für sie entweder kein Interesse, oder verdeutlichten ihr nur noch mehr, wie verkorkst ihr Leben ist. Und so ist es nur allzu verständlich, dass es ihr sehr schwer fällt, einem Erwachsenen zu vertrauen, als sie Onkel Henry trifft:

"Dieser neue Erwachsene in meinem Leben war genauso nutzlos wie alle anderen vor ihm."
 
Doch nach und nach schleicht sich Henry mit seiner stillen immerwährenden Präsenz in ihr Herz. Zum ersten Mal erfährt
Zoë Stabilität und Sicherheit. Henry, der seinen Job als erfolgreicher Chirurg für eine nicht minder erfolgreiche Karriere als Bildhauer aufgegeben hat, versteht schnell, dass Zoë kein kleines hilfloses Mädchen ist, sondern dass vielmehr ein winziger Erwachsener mit einer großen Klappe in ihr steckt. Und so überrascht Zoë den Leser und auch Henry immer wieder mit ihrer Klugheit. 
Die Charaktere sind allesamt sehr liebevoll ausgearbeitet, auch wenn gerade die Menschen, die Zoë nicht leiden kann, doch sehr schwarz-weiß gezeichnet sind. Aber ich habe mich sehr gefreut, dass Zoë endlich Menschen findet, sie sich für sie interessieren und sie lieb haben, wie Fred und seine Frau Bessie, die in Henrys chaotischem Haushalt aushelfen. Denn es ist mir oft sehr nahegegangen, wenn Zoë ihr früheres Leben bei ihrer Mutter schildert, was aus Vernachlässigung und Beleidigungen bestand. 

Das Buch arbeitet auf keinen konkreten Höhepunkt hin, und die Handlung mag unspektakulär klingen, das Buch ist dadurch aber nicht unspannend. Vielmehr ist es die herzerwärmende Geschichte eines Mädchens, das schon viel zu lange auf sich selbst gestellt war und endlich das bekommt, was jedem Kind zusteht: Liebe, Geborgenheit und ein echtes Zuhause. Ein Buch zum Wohlfühlen!


Zoë - Clay Carmichael
Taschenbuch: 256 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (29. August 2011)
ISBN-10: 3446237836

Preis: 13,90 Euro

Willis Fazit:



Du willst wissen, wie es ausgeht? Hier wird das Ende verraten (zum Lesen markieren):
Zoe erfährt, dass der Junge aus dem Wald, Wil, mit ihr verwandt ist, es ist ihr Halbbruder. Ihr Vater, Henrys Bruder, war vor Zoes Mutter bereits einmal verheiratet und hat in der Waldhütte gelegt, hat die Frau aber schlecht behandelt und sie starb bei der Geburt. Nach Bessies Tod verschwindet Wil einfach, zusammen mit Zoes neuem Lieblingsbuch.


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Kommentare:

  1. Ohhhhhh!!!

    Ich habe jetzt erstmal nur das Zitat am Anfang (herzerwärmend) und dein Fazit gelesen und beschlossen, dass ich das Buch auch selber brauche.
    Und danach lese ich dann auch die ganze Rezi :)

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  2. Ich finde das Cover ja total interessant. Das hat irgendwas! Und das Buch hört sich ja auch nicht schlecht an, werde ich mal im Auge behalten :)

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