Monster auf der Couch - Herrlich unterhaltsamer Fantasyspaß über das Seelenleben von Monstern

Was, wenn Monster in Therapie gehen würden? Darum geht es in "Monster auf der Couch" von Jenny Jägerfeld und Mats Strandberg. Wie mir das Buch gefallen hat, erfahrt ihr hier:

Gebundene Ausgabe | 464 Seiten | Penhaligon Verlag | Übersetzung: Leena Flegler


"Mein Problem mit der Bezeichnung Monster ist der Umstand, dass sie eine gewisse ureigene Bosheit unterstellt. Aber daran glaube ich nicht. Ich glaube vielmehr, dass wir die Bezeichnung Monster bei Wesen anwenden, die wir nicht verstehen, weil sie sich anders als wir selbst verhalten oder auch anders aussehen. Was immer fremd ist, kann leicht mit dem Bösen verwechselt werden, weil wir Angst davor haben."

Als eine junge Psychotherapeutin von ihrer Frau als vermisst gemeldet wird, staunen die Ermittler nicht schlecht, was sie beim Durchsuchen ihrer Akten finden: Dokumentationen, Aufzeichnungen und Bilder ihrer Sitzungen mit waschechten Monstern! So hat nicht nur Dr. Jekyll ihre Hilfe aufgesucht, sondern auch Vampirin Carmilla, Familie Frankenstein und Dorian Gray! Während die Ermittler nach Hinweisen suchen, was aus der Psychologin geworden ist, lassen ihre Aufzeichnungen tief in die Psyche der Monster blicken und werfen die Frage auf, wer eigentlich das wahre Monster ist...

Als Psychologin mit einer Vorliebe für Fantasygeschichten war für mich absolut klar, dass ich "Monster auf der Couch" lesen muss. Schon oft habe ich mich gefragt, was in den Köpfen der Buchcharaktere vorgeht und genau dieser Frage widmet sich das Autorenduo Jenny Jägerfeld und Mats Strandberg hier und setzt dabei einige der berühmtesten Schauergestalten der Weltliteratur auf die Couch. Ergeben hat das einen herrlich unterhaltsamen, aber auch nachdenklich stimmenden Mix aus Fantasy und Realität. 

Es beginnt mit einem Brief von Dr. Jekyll, der die Hilfe der modernen Psychologie in Anspruch nehmen will und sich bei einer Psychotherapeutin (deren Namen man übrigens nicht erfährt, weil er geschwärzt wurde) vorstellt. Und auch wenn der Mann aus einer anderen Zeit am Anfang alles andere als gewillt ist, sein Seelenleben vor einer Frau zu entblößen, eilt ihr Ruf ihr doch bald voraus und weitere übernatürliche Patienten stehen vor ihrer Tür. 

Bei Charakteren, die weitestgehend aus dem viktorianischen Zeitalter stammen, sind Konflikte mit unseren heutigen Weltanschauungen natürlich vorprogrammiert. So fällt besonders Dr. Jekyll aus allen Wolken, als er erfährt, dass die Person, bei der er in Therapie geht, ausgerechnet eine Frau ist. Und das obwohl doch weithin bekannt ist, dass das Gehirn von Frauen viel kleiner und für logisches Denken gar nicht gemacht ist. Mich haben die altertümlichen, frauenverachtenden Ansichten regelmäßig zur Weißglut gebracht (gerade die Gespräche mit Narzisst Dorian Gray waren so, als müsste man einem Gespräch mit Donald Trump zuhören, grah!) und auch der Therapeutin geht es nicht anders, wie man ihren Gesprächsanmerkungen entnehmen kann, mit denen sie ihre Sitzungen nachträglich kommentiert hat. So führt uns das Autorenduo aber auch anschaulich vor Augen, welche Ansichten zur damaligen Zeit noch herrschten oder was als neueste wissenschaftliche Erkenntnisse galt. 

In mehreren Sitzungen deckt die Therapeutin langsam die eigentlichen Ursachen hinter den Problemen auf, die Jekyll und Co. so belasten. Es geht um unterdrückte Triebe wie Lust oder Aggression, um Gotteskomplexe und Narzissmus, um Neigungen, die zur Zeit der Charaktere als unschicklich und verwerflich galten. Kein Wunder, dass sie alle eine Therapie nötig haben.  

"DR. JEKYLL: Sie ahnen ja nicht, welche Anforderungen in meiner Welt an einen Gentleman gestellt werden! Sie verstehen nicht, welcher Druck sich hinter der vorgehaltenen Maske aufbaut! Wie sollte ich das Leben denn bewältigen ohne das Ventil, das Mister Hyde für mich darstellt?" (S. 35)
Inhaltlich konnte mich die Geschichte hervorragend unterhalten. Aber auch optisch ist das Buch ein echter Hingucker und allein die Buchgestaltung macht es schon zu einem ganz besonderen Lesevergnügen. Die Seiten sind wie Aktenblätter gestaltet, die mit dutzenden Kommentaren der Therapeutin versehen sind. Außerdem sind Zeichnungen der Charaktere eingestreut und viel Quellenmaterial wie Zeitungsartikel, mit denen die Therapeutin tiefer in die Denke der Zeit ihrer Patienten einzutauchen versucht. 

Wird Frankensteins Monster sich mit seinem Erschaffer versöhnen können? Wird es Vampirin Carmilla gelingen, auch die Therapeutin zu verführen? Wird Jekyll sich mit seinem Alter Ego Mister Hyde arrangieren können? Und ist ein Narzisst wie Dorian Gray überhaupt therapierbar? Am besten findet ihr es selbst heraus. Mich jedenfalls hat "Monster auf der Couch" bestens unterhalten können.

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