Insel der Waisen - Ein kleines Meisterwerk über das Erwachsenwerden

Heute möchte ich euch ein Kinderbuch empfehlen, welches das Abenteuer der Kindheit in das mysteriöse Setup einer geheimnisvollen Insel versetzt, auf der nur Kinder leben: Insel der Waisen von Laurel Snyder. Erfahrt in meiner Rezension, was das Buch so besonders macht:

Gebundene Ausgabe | 201 Seiten | Verlag Mixtvision |Übersetzung: Elisa Martins

Eine einsame, namenlose Insel, umgeben von nichts als Wasser und Nebel. Hier leben neun Kinder, völlig auf sich allein gestellt. Die Insel versorgt sie mit allem, was sie brauchen und ihre Regeln, Jahr für Jahr weitergegeben von einem Kind ans nächste, schützen sie und lehren sie alles, was sie zum Überleben brauchen. Doch als ein neues Kind auf die Insel kommt und die Älteste Jinny die wichtigste Regel bricht, gerät plötzlich alles aus den Fugen...

Laurel Snyder war mir bisher als Autorin kein Begriff. Kein Wunder, schreibt sie doch Geschichten für ein jüngeres Publikum als für meine eigene Altersklasse. Und doch konnte sie mich mit Insel der Waisen absolut an die Seiten fesseln und mir ein tiefgründiges, mysteriöses und nachdenklich stimmendes Leseerlebnis bescheren. Wie der Klassiker "Momo" von Michael Ende ist auch dieses Buch eines, welches kindlich daherkommt, und doch auch Erwachsenen so viel gibt. 

Die Geschichte beginnt an dem Tag, als Jinnys bester Freund die Insel verlässt, und an seiner Stelle ein kleines Mädchen ankommt, um welches Jinny sich als nun Älteste kümmern muss. Während Jinny Ess, wie sich ihr Mündel nennt, in das Leben auf der Insel einführt, bekommen wir mit, wie sich die neun Kinder auf der Insel organisiert haben, so ganz ohne Erwachsene. Der Alltag ist herausfordernd und gefährlich, geprägt von täglichen Pflichten, aber auch voller Abenteuer, Geschichten und Spaß. Aber je länger Jinnys Mündel auf der Insel ist, desto deutlicher zeichnen sich dunkle Wolken am Horizont ab...

Zu Beginn war es hauptsächlich das Geheimnis um die Insel, welches mich an die Seiten gefesselt hat. Warum sind die Kinder auf der Insel? Wohin gehen sie, wenn das Boot kommt, welches ein neues Kind bringt und das älteste mit sich nimmt? Doch irgendwann waren diese Fragen gar nicht mehr so wichtig; vielmehr hat mich das Geschehen auf der Insel an die Seiten gefesselt. Denn als Jinny die Regeln infrage stellt, nach denen sich alle bisher immer gerichtet haben, verändert sich die Dynamik auf der Insel und das scheinbare Paradies beginnt zu bröckeln. Das hat sich sehr spannend und unheilvoll gelesen und mich sowohl emotional als auch gedanklich sehr beschäftigt. 

Jinny als Älteste auf der Insel fühlt sich im Laufe der Geschichte zunehmend unter Druck gesetzt. Nicht nur muss sie sich um ein kleines Kind kümmern, auch die anderen Kinder verlassen sich bei Entscheidungen auf sie. Und als Älteste ist es an ihr, ihr Wissen und die Regeln, die sie selbst immer mehr anzweifelt, an den nächsten weiterzugeben, bevor auch ihre Zeit auf der Insel gekommen ist. Ihre Gefühlswelt fand ich sehr nachvollziehbar und ich habe unheimlich mit ihr mitgefiebert. 

Insel der Waisen erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden, dem Übernehmen von Verantwortung und dem damit einhergehenden Verlust der naiven Weltanschauung. Gleichzeitig ist es aber auch eine Hommage an die Kindheit, ein Buch in dem man den Zauber und die Abenteuer, aber auch die Schrecken, die die Welt um einen herum bereithält, noch einmal durch Kinderaugen betrachtet erleben kann.

Mein Fazit: Laurel Snyder ist ein ganz wunderbares, zeitloses kleines Meisterwerk gelungen. Hinter den kindlichen Worten steckt so viel Weisheit, so viel Einsicht über das Leben und das Erwachsenwerden, dass sich sowohl Kinder als auch Erwachsene hier wiederfinden werden und etwas mitnehmen können. Ich empfehle die Geschichte uneingeschränkt weiter!

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