Sonntag, 6. Mai 2012

"In Juárez suchen wir immer nach el extranjero, dem Monster, das wir nie zuvor gesehen haben, das uns Leid zufügt, aber wir fügen uns selbst Leid zu, Kelly, dazu brauchen wir kene Fremden. Wir sind eine Stadt der toten Frauen."


Vor Jahren floh der Amerikaner Kelly nach Juárez, Mexiko, wo er sich seitdem mit illegalen Boxkämpfen durchschlägt, bei denen die Mexikaner den Bolillo bluten sehen wollen. Nebenbei vertickt er auch Drogen für Esteban, den Bruder seiner Freundin Paloma. Als diese eines Tages verschwindet und wenig später tot aufgefunden wird, kriegt Kelly es in seinem Drogenrausch nicht einmal mit. Die Polizei verdächtigt ihn, sperrt ihn ein und prügelt ihn halbtot, um ein Geständnis zu erhalten. Nur der Polizist Sevilla glaubt an seine Unschuld, und beginnt, nach den wahren Mördern der toten Frauen von Juárez zu suchen...



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Sam Hawkens Geschichte ist zwar fiktiv, beruht jedoch auf erschreckend realen Begebenheiten. Über 400 Frauen sind seit dem Jahre 1993 in Ciudad Juárez verschwunden; manche von ihnen wurden vergewaltigt und ermordet aufgefunden, doch viele blieben für immer verschollen. Die Polizei, die zu sehr mit den Bandenkriegen der Drogenkartelle beschäftigt ist, hat kaum Zeit, sich mit den Frauenmorden zu beschäftigen. Hier knüpft Hawken mit seinem Debüt "Die toten Frauen von Juárez" an. 

Kelly Courter ist eine gescheiterte Existenz. Einst war der Amerikaner ein relativ erfolgreicher Boxer, bis er dem Heroin verfiel und ihn ein Unfall zur Flucht über die mexikanische Grenze trieb. Dort führt er nun ein trostloses Leben inmitten der armen Gegenden der Stadt. Über Wasser hält er sich mit gelegentlichen Drogengeschäften und Boxkämpfen, bei denen er sich von mexikanischen Talenten blutig schlagen lässt. Einzig seine Freundin Paloma, die sich mit ihrer Organisation Mujerez Sin Voces für die toten Frauen von Juárez einsetzt, ist ein kleiner Lichtblick in seinem Leben. Doch eines Tages verschwindet sie genauso wie die Frauen, um die sie sich gekümmert hat und Kelly wird grausam gefoltert, um sein Geständnis zu erzwingen. 

Kelly ist eigentlich kein Charakter, dem man unbedingt seine Sympathien schenken will, dazu klebt einfach zu viel Blut an seinen eigenen Händen. Irgendwann tut man es als Leser aber doch, als er den verzweifelten Kampf um die Wahrheit aufnimmt. Gerade dass nicht alle Charaktere hier brutale Schweine sind, sondern ein paar von ihnen auch das Gute verkörpern, hat die Geschichte etwas erträglicher gemacht.

"Die toten Frauen von Juárez" ist wirklich harter Stoff und liest sich wie ein staubiger Trip durch die Hölle und zurück. Drogen, Prostitution, Korruption, Bandenkriege; schonungslos und offen führt uns Hawken alles Schreckliche vor Augen, was man jemals über Mexiko gehört hat. Das Ganze wird so realistisch beschrieben, dass ich das Gefühl hatte, hier eher einen Tatsachenroman vor mir zu haben als Fiktion; die Geschichte wirkte einfach unheimlich echt auf mich, als würde sie sich genau so gerade in der Realität abspielen. Das liegt sicherlich an Hawkens richtig gutem Erzähltalent. Er schreibt sehr atmosphärisch, so dass man das Hitzeflimmern in der Luft oder den Staub der Wüste auf dem Gesicht richtig spüren kann. 

Das Buch ist definitiv nichts für schwache Nerven. Zeitweise ist mir beim Lesen richtig das Adrenalin durch den Körper geschossen und es wurde so blutig und brutal, dass ich manchmal gar nicht weiterlesen wollte. Aber die Geschichte hat trotz ihrer Brutalität einen unheimlichen Sog auf mich ausgeübt und ich fühlte mich regelrecht gezwungen, weiterzulesen, um endlich zu erfahren, wer hinter der ganzen Sache steckt.
Hawken äußert sich im Nachwort, dass er mit dieser Geschichte den Leser wachrütteln und das Schicksal der verschwundenen Frauen von Juárez wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken will, das neben den Drogenkriegen immer mehr in den Hintergrund rückt. Meine Aufmerksamkeit hat er mit diesem Knaller-Buch jedenfalls geweckt.

Mein Fazit: Hart, brutal und absolut mitreißend!

Die toten Frauen von Juárez - Sam Hawken
Gebundene Ausgabe: 317 Seiten
Verlag: Tropen Bei Klett-Cotta; Auflage: 1., Aufl. (15. März 2012)
ISBN-10: 3608502122
Preis: 19,95 Euro

Willis Fazit: 



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Kommentare:

  1. Hallo,
    ich habe das Buch auch gestern ausgelesen. Am Anfang bin ich zwar schwer reingekommen, als hauptsächlich Kellys Alltag geschildert wurde, aber schon da gab es durch die Atmosphäre, die der Autor schafft, immer eine leichte Anspannung, weil man quasi auf das Unheil wartet. Zum Ende hin hat es mich dann gar nicht mehr losgelassen. Wirklich eine sehr erschreckende Geschichte.
    Gruß

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  2. Hallo Friederike,
    ich habe das Buch erst vor kurzem gelesen und bin durch Zufall über deinen Blog gestolpert. Mir hat das Buch sehr gefallen und es hat mich sehr schockiert und lag mir schwer im Magen.
    Dein Blog gefällt mir sehr gut, sowohl deine Art zu schreiben, als auch das Design, sodass ich deinen Blog als ersten in meiner Blogroll aufgenommen habe.
    Abgesehen davon ist es schon ziemlich witzig, dass dein Profilbild meinem sehr ähnelt ;-)

    Besten Gruß
    Micha
    www.wassollichlesen.blogspot.de

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